Arbeit

Arbeiten wir noch oder leben wir schon? – Unsere Kultur der Produktivität

Manchmal beobachte ich gerne Menschen, vor allem in verschiedenen Berufen und bei unterschiedlichen Aufgaben. Heute war ich beim Arzt und habe im Flur statt im Wartezimmer gewartet. Ich habe mitbekommen wie pausenlos Anrufe eingingen oder Patienten hereinkamen. Die Arzthelferin begrüßte jeden und sagte er solle bitte im Wartezimmer Platz nehmen. Die Sorgen der Menschen am Telefon hörte sie an, vergab Termine und nahm Absagen entgegen. Das Zimmer, das direkt an den Flur angrenzte, war das Labor. Eine andere Arzthelferin ging immer zum Wartezimmer und holte den nächsten Patienten ins Labor. Dieser wurde dann mit einer Nadel gestochen und entweder Blut entnommen oder ihm wurde eine Impfung verpasst.

Ich fühlte mich an maschinelle Abläufe erinnert und fragte mich, wie es sich anfühlt im 5-Minuten-Takt Menschen in ein Zimmer zu holen und sie mit Nadeln zu stechen. Fand die Arzthelferin die schnelle Taktung auch so absurd wie ich?

Meinen letzten Job mochte ich zuerst richtig gerne, alles war aufregend und neu. Ich lernte verschiedene Tätigkeiten und Menschen kennen und hatte das Gefühl, dass sich alle an meinem Arbeitsplatz ziemlich gut verstehen und die Stimmung gut ist. Ich freute mich, dass meine Aufgaben ganz unterschiedlich waren und mein Aufgabengebiet nicht festgelegt war, sondern recht flexibel. Ich war energiegeladen, positiv und voller Tatendrang. Einer meiner Träume war es immer, dafür Geld zu bekommen, etwas zu organisieren und da dies nun mein Job war, fand ich in zu Beginn ziemlich genial.

Ich war fleißig und arbeitete sehr viel. Nach nur einigen Wochen stand das erste große Event an und ich war halbtags angestellt, arbeitete in der Zeit jedoch Vollzeit. Die Arbeit mache mir Spaß, ich fand es nicht schlimm Überstunden zu machen, Ich freute mich, dass ich eine Aufgabe hatte, bei der ich das Gefühl hatte Verantwortung zu haben und etwas Sinnvolles zu machen.

Nach dem Event nahm ich mir etwas Urlaub, entschied mich dann aber, dass ich jede Woche einfach weniger Tage zur Arbeit komme, dafür aber auf jeden Fall jede Woche dort bin. Ich erinnere mich noch genau wie mein Kollege einmal fragte „Wie, du kommst morgen nicht?“ oder „Kommst du momentan nur Montags und Dienstags?“. Ich musste mich erklären und fühlte mich schlecht dabei, das nächste Event stand schließlich schon vor der Tür und wollte kurzfristig organisiert werden. Zu dem Zeitpunkt hatte ich 80 Überstunden.

Seit einiger Zeit arbeite ich nicht mehr bei meinem ehemaligen Arbeitgeber und denke viel darüber nach, was für eine Arbeitskultur wir in Deutschland haben. Themen wie „Work 2.0“, also neue Arbeitsformen, scheinen präsenter denn je zu sein, aber ich habe das Gefühl Menschen definieren sich heute mehr denn je darüber, wie produktiv sie sind. Ob als Projektmanagerin oder Arzthelferin geht es scheinbar darum, die Projekte oder Impfungen so schnell und effektiv wie möglich durchzuführen. Leistung wird daran gemessen, wie viele Emails wir geschrieben haben oder wie viele to do’s wir heute von unserer Liste abhaken konnten.

Neulich hörte ich den Song „Menschine“ von Dendemann und fand mich gleich in den Zeilen wider. „Du bist ’ne Maschine und dein Körper der Gegner – Sei kein Nörgler und Hater – Alter, work hard und play hard“. Ich fühle mich in meinem letzten Job selbst wie eine Maschine. Maschinen haben keine Zeit, seit der industriellen Revolution sollen sie immer effizienter werden und sie behandeln alles gleich und alle gleich – ob ein Autobauteil oder einen Menschen. War ich selber zu einer Menschine mutiert?

Ich hatte das Gefühl Teil der Kultur geworden zu sein, die ich nicht mochte: in der Menschen gestresst sind und kaum Zeit für Menschliches haben. Auch ich fühlte mich gut, wenn ich an einem Tag viel von meiner to do Liste erledigt hatte, es gab mir das Gefühl dazuzugehören, wertvoll zu sein, etwas Sinnvolles zu tun und etwas geleistet zu haben.

Inzwischen denke ich, dass wir seit der Aufklärung und der industriellen Revolution etwas zu viel von unserem Verstand geleitet werden. Es geht nicht immer nur um rationelles handeln und arbeiten, wo bleibt bei dieser Vorgehensweise Zeit um zu leben, für ein liebevolles miteinander und Gemeinschaft. Neulich habe ich jemanden nach dem Weg gefragt, da ich mein Handy nicht dabeihatte. Er blieb kurz genervt stehen und antwortete „Kannst du das nicht googeln?“.

Dinge von der to do Liste abarbeiten ist etwas messbares, genauso wie es in den meisten Berufen um messbare Ergebnisse geht: Es geht um hard facts wie Umsatz oder erreichte Personen. Wie kann man die Werte aus der Zeit der Romantik, das Irrationale und das Zwischenmenschliche messen und besser integrieren?

Ich frage mich ob ich zu viel nachdenke oder zu anspruchsvoll bin. Wenn ich an die Generation meiner Eltern denke habe ich das Gefühl, dass sie ohne Murren zur Arbeit gegangen sind und das nicht hinterfragt haben. Doch gibt es einen Beruf, in dem Menschen das Gefühl haben, genug Zeit für das Zwischenmenschliche zu haben und keine Maschine zu sein?

Ich habe Artikel von Pflegekräften und Bandarbeitern in der Automobilindustrie gelesen und bei beiden geht es auch darum, die Arbeitskraft der Menschen zu maximieren und möglich viel messbaren Output zu liefern. Ich frage mich, ob es die nächsten Jahre noch extremer werden wird. Technisch sind wir immer weiterentwickelt und können alles genau planen und überwachen, doch Menschen funktionieren anders und nicht jeden Tag gleich. Finden wir einen Mittelweg zwischen Rationalismus und Romantik, einen Weg wieder mehr im Einklang mit der Natur zu leben und zu arbeiten?

Heute morgen beim Arzt öffnete sich die Tür schließlich ein fünftes Mal und dieses Mal war ich an der Reihe. Ich trat ein, die Arzthelferin begrüßte mich, dann impfte sie mich und ich verließ die Praxis. Beim Hinausgehen hörte ich schon, wie sie die nächste Person aufrief.

Eins meiner Lieblingsbücher seit einigen Jahres: Rüdiger Safranski „Zeit: Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen“

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Wie siehst du die Balance zwischen Arbeit und Zeit für Menschliches in unserer Kultur? Was sind deine Gedanken zur Arbeitswelt?

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