Hochsensibilität, Persönlichkeitsentwicklung

Introvertiert oder extrovertiert als hochsensible Person?

In diesem Artikel möchte ich zuerst von meiner eigenen Erfahrung zum Thema Introvertiert oder extrovertiert als hochsensible Person? berichten und anschließend darauf eingehen, woher diese Begriffe der Persönlichkeitspsychologie stammen und wie sich die Konzepte weiterentwickelt haben und was im Bezug auf hochsensible Menschen gesagt werden kann.

Die Begriffe extrovertiert und extravertiert sind austauschbar. Im wissenschaftlichen Kontext wird extravertiert benutzt, aber umgangssprachlich hat sich extrovertiert durchgesetzt. Im Duden stehen beide Begriffe.

Inhaltsverzeichnis

Meine Erfahrungen

Ich dachte eine lange Zeit, dass ich extrovertiert sei. Ich glaube es war in meiner Jugend und während ich eine junge Erwachsene war so, dass ich dachte, dass es sozial angemessener wäre, extrovertiert zu sein, viel mit Menschen zu unternehmen, feier zu gehen, auf Party und Konzerte zu gehen und wenig alleine zu sein. Vielleicht war ein Gedanke dabei – vor allem als Jugendliche – auch, dazugehören zu wollen und nichts zu verpassen.

Wie vermutlich viele hochsensible, introvertierte Menschen liebe ich es, in der Natur zu sein

Irgendwann habe ich mich immer besser kennengelernt und mich aktiv mit dem Thema beschäftigt, ob ich eher introvertiert oder extrovertiert bin. Ich habe mich gefragt, ob ich eher Energie bekomme oder es mich quasi Energie kostet, in Gruppen oder alleine zu sein.

Ein Freund von mir war ein zertifizierter Trainer für Persönlichkeitstest nach der Myers/Briggs Methode und ich habe noch eine Email von ihm aus dem November 2015 (da war ich 24 Jahre alt), in der wir uns darüber unterhalten, dass ich laut dem Test wohl ENFJ oder ENTJ bin.

Laut Katharina Briggs und Isabel Myers gibt es 16 Persönlichkeitstypen. Jeder Typ setzt sich aus 4 Buchstaben zusammen. Es wird unterschieden zwischen:

  • Extravertiert oder introvertiert
  • Intuition oder Sensorik
  • Denken oder Fühlen
  • Wahrnehmung oder Beurteilung/Entscheidung

Im April 2020 habe ich nochmal einen Test zu den 16 Persönlichkeiten gemacht, allerdings einfach nur online auf einer Internetseite. Mein Ergebnis war INFP. Ich glaube, dass das Ergebnis bei mir stark davon abhängt, welche Rolle ich gerade einnehme, also ob z.B. ich alleine zu Hause arbeite oder einen Gruppe leite. Ich glaube jeder Mensch kann auch ohne Test erkennen, welcher Typ er gerade ist oder welche Eigenschaften bei ihm besonders aiusgeprägt sind.

ENFJs sind zum Beispiel „natural teachers“ und INFP werden als Mediatoren bezeichnet. Das sind alles Rollen und Persönlichkeitszüge, die ich bei mir sehe, d.h. ich kann mich mit allen Ergebnissen, die ich über die Jahre „bekommen“ habe, identifizieren.

Introvertiert oder extrovertiert?

Als ich mich mehr mit dem Thema Hochsensibilität beschäftigt habe, ist mir jedoch schnell klar geworden, dass ich auf jeden Fall (inzwischen) introvertiert bin oder es vielleicht schon immer war.

In meiner Kindheit hatten wir in meinem Elternhaus jeden Tag Besuch, Leute gingen ein und aus. Das fand ich schön und ich glaube es hat mich ales introvertierte Person quasi darauf trainiert, extrovertiert zu sein und mit vielen Menschen in Kontakt zu sein. Was wir in unserer Kindheit erfahren und was für uns „normal“ ist, fühlt sich bekannt und sicher an, daher fühle ich mich heute alleine genauso wohl wie in Gruppen.

Auch durch die Schule wurde ich quasi „gezwungen“ extrovertiert zu sein, denn es gab keinen Ort zum alleine sein und ich sollte regelmäßig Gruppenarbeiten durchführen und Präsentationen halten.

Laut Elaine Aron sind übrigens circa 70 Prozent der hochsensiblen Menschen introvertiert.

Natürlich ist es weder besser noch schlechter introvertiert oder extrovertiert zu sein, es ist einfach nur ein Unterschied, wie du deine Energie auflädst und entlädst.

Ich stelle mir das Energie aufladen und entladen in Wellen vor

Wenn du dir eine Kurve vorstellst, würden introvertierte Menschen alleine sein und ihre Energie aufladen, um dann in der Gesellschaft anderer quasi wieder Energie zu „verlieren,“ die sie danach wieder aufladen können, wenn sie Ruhe haben.

Extrovertierte Menschen bekommen Energie und fühlen sich energiegeladen, wenn sie unter Menschen sind. Wenn sie alleine sind entladen sie quasi diese Energie und möchten dann wieder Menschen treffen, um sich energievoll zu fühlen.

Introvertiert und extrovertiert als Begriffe in der Persönlichkeitspsychologie

Ich lese aktuell den 6. Band der gesammelten Werke des Psychologen C. G. Jung, in dem es um Psychologische Typen geht. Er hat 1921 die Begriffe Introversion und Extraversion bekannt gemacht.

Der extravertierte und introvertierte Typus nach C. G. Jung

C. G. Jung schreib zum Beispiel über den extravertierten Typus, „dass die häufigsten und hauptsächlichsten Entschlüsse und Handlungen nicht durch subjetive Ansichten, sondern durch objetive Verhältnisse bestimmt sind (…)“. Das heißt, dass „das Objekt als determinierende Größe in seinem Bewusstsein eine größere Rolle spielt als seine subjetive Ansicht.“ (S. 357)

Er weist darauf hin, dass extrovertierte Menschen also eher nach außen gerichtet leben und sich auf die Dinge fokussieren, die im Außen passieren und danach richten. Er schreibt auch, dass ein Vorteil davon ist, dass extrovertierte Menschen sich gut an die Umstände anpassen. Eine Herausforderung ist es, dass „der Extravertierte die Tatsächlichkeit seiner subjetiven Bedürfnisse und Notwendigkeiten viel zu wenig in Rechnung zieht.“ (S. 359)

Das heißt, indem extrovertierte Menschen sich nach außen richten, besteht die Gefahr, dass sie ihre Bedürfnisse und Gefühle zu wenig berücksichtigen und ihre Selbstfürsorge vernachlässigen. Eine weitere Gefahr kann es sein, dass ein Extrovertierter „in die Objekte hineingezogen wird und sich selbst darin ganz verliert.“ (S. 359)

Bist du auch „busy introverting“? Oder eher busy extroverting?

Der introvertierte Typus oriertiert sich an subjetiven Faktoren. „Dieser Typus richtet sich daher nach jenem Faktor des Wahrnehmens und Erkennens, welcher die den Sinnesreiz aufnehmende subjektive Disposition darstellt.“ (S. 400)

Wenn introvertierte Menschen etwas betrachten oder erleben, konzentrieren sie sich laut C. G. Jung eher auf das, was der äußere Eindruck in den Menschen im Inneren hervorruft.

Heutige Ansichten und Persönlichkeitstests

C. G. Jung war der Ansicht, dass Extroversion und Introversion Gegenteile sind. Heutezutage sieht man dieses Persönlichkeitsmerkmal als Kontinuum an. Das heißt, es wäre auch möglich, dass du dich genau in der Mitte zwischen introvertiert und Extrovertiert befindest.

Der Psychologe Eysenck hat erforscht, wie unterschiedlich erregbar das Gehirn extrovertierter und introvertierter Menschen ist. Extrovertierte suchen mehr äußere Reize, weil sie weniger innere Reize haben, während es bei introvertierten Menschen andersherum ist. Seitdem ist klar, dass es sich um ein Kontinuum handelt.

Der oben erwähnte Myers-Briggs Typenindikator beruft sich übrigens auf C. G. Jung und geht von Gegensatzpaaren aus.

Ganz aktuell nutzt die Differentielle Psychologie auch die Annahme eines Kontinuums. Sie verwenden häufig die sogenannten „Big Five“ als Modell der Persönlichkeitspsychologie. Auf Deutsch wird es Fünf-Faktoren-Modell genannt. Es besteht aus diesen Faktoren:

  • Openness (Offenheit für Erfahrungen)
  • Conscientiousness (Gewissenhaftigkeit, Perfektionismus)
  • Extraversion
  • Agreeableness (Rücksichtsname, Kooperationsbereitschaft, Empathie)
  • Neuroticism (emotionale Labilität und Verletzlichkeit)

Was bedeutet das für hochsensible Menschen?

Was ich aus diesem Wissen für mich mitgenommen habe, ist die Gewissheit, dass ich mich selbst am Besten einschätzen kann. Für mich ist auch klar, dass ich in verschiedenen Situation verschiedene Persönlichkeitsanteile von mir ausleben kann, wie meinen extrovertierten Anteil in Gruppensituationen.

Daher macht es für mich auch Sinn, dass Menschen, die mich kennenlernen oft denken, dass ich extrovertiert sei, da ich das auch (für einen kürzeren Zeitraum) sein kann und gerne bin. Danach muss ich allerdings meine Energie wieder auftanken und brauche Ruhe und Zeit für mich.

Ich finde es auch hilfreich zu wissen, welche unterschiedlichen Tests es gibt und welche Annehmen über Introversion oder Extroversion dahinterstehen. Ob du zu den circa 30 Prozent der hochsensiblen Personen gehörst, die extrovertiert sind, oder ob du zu den 70 Prozent gehörst, die introvertiert sind, weißt du bestimmt.

Ich würde mich freuen, über deine Erfahrungen mit Persönlichkeitstests zu hören und frage mich, ob sich deine Wahrnehmung und Einschätzung deiner Persönlichkeit auch über die Zeit geändert hat?

1 Kommentar

  1. Sensibel, introvertiert und selbstständig als Onlineunternehmerin? - Ein Gespräch mit Judith Peters | Jacqueline Knopp

    8. Februar 2021 at 17:21

    […] dann das gleiche Ergebnis herauskam, nur mit introvertiert zu Beginn der Buchstaben (es war ein Test nach dem Myers-Briggs Typenindikator. Was das genau ist und worauf der Test basiert, darüber […]

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