Hochsensibilität : Merkmale und Eigenschaften hochsensibler Menschen

Hochsensibilität : Merkmale und Eigenschaften hochsensibler Menschen

Hochsensibilität (Englisch HSP = highly sensitive person) — Was soll das genau sein?

Hoch­sen­si­ble Men­schen haben ein hoch­sen­si­bles Ner­ven­sys­tem. Das heißt es kann feine Nuan­cen in der Umge­bung bemer­ken. Dies ist her­aus­for­dernd, aber hat auch viele Vor­teile.
Circa 15 bis 20 Pro­zent der Men­schen sind hoch­sen­si­bel.

Da das Ner­ven­sys­tem emp­find­lich ist, ist es schnel­ler als bei nicht-hoch­sen­si­blen Men­schen reiz­über­flu­tet. Es wer­den auch feine Nuan­cen auf­ge­nom­men und bemerkt, sodass ein hoch­sen­si­bler Mensch viel mehr Input bekommt als ein nicht-hoch­sen­si­bler Mensch in der glei­chen Situa­tion. Dies ist im fol­gen­den mit Sin­nes­sen­si­bi­li­tät gemeint. Es gibt dane­ben laut Elaine Aron drei wei­tere Indi­ka­to­ren, die anzei­gen, ob jemand hoch­sen­si­bel ist.

Vier Indikatoren für Hochsensibilität nach Elaine Aron

  • Ver­ar­bei­tungs­tiefe (Depth of Pro­ces­sing)
  • Über­reg­bar­keit (Over­arou­sa­bi­lity)
  • Emo­tio­nale Inten­si­tät (Emo­tio­nal Inten­sity)
  • Sin­nes­sen­si­bi­li­tät (Sen­sory Sen­si­bi­lity)

Wie äußert sich das bei mir?

Überregbarkeit und Sinnessensibilität

Ein­fa­cher mit einem Bei­spiel zu erklä­ren: Letz­tens war ich auf einem klei­nen Kon­zert von Nick Mul­vey (Sin­ger-Song­wri­ter) in Maas­tricht, d.h. die Stim­mung war rela­tiv ent­spannt. Ich stand in der ers­ten Reihe und war nach 2/3 des Kon­zerts rich­tig kaputt, ich wurde manch­mal ange­schubst und Leute haben ver­sucht, mei­nen Platz zu bekom­men, als ob sie ahnen wür­den, dass mir das zusetzt und ich dann bald raus­gehe. Am schwie­rigs­ten waren für mich die gan­zen Gedan­ken und die Ener­gie die im Raum war, da sehr viele Men­schen auf kleins­tem Raum waren. Es klingt komisch, aber ich hab das so inten­siv gespürt und konnte mich schlecht dage­gen schüt­zen, sodass ich noch vor Ende des Kon­zerts raus­ge­gan­gen bin. Wie kann ich das erklä­ren? Ich denke zu sagen, dass es mir zu viel war trifft es ganz gut.

Ich spüre die Emo­tio­nen von vie­len Men­schen sehr stark, oft auch wenn ich es nicht will, und das belas­tet mich, da ich gar nicht wis­sen möchte wie jeder sich wirk­lich fühlt. Frü­her habe ich das aktiv ver­sucht zu igno­rie­ren, aber damit ging es mir auch nicht bes­ser.

Auf der visu­el­len Ebene könnte man sagen, dass es sich so anfühlt wie 100 Moni­tore, auf denen ver­schie­de­nen Fern­seh­sen­dun­gen lau­fen, die wie bei Media Markt um mich herum auf­ge­stellt sind, nur noch dich­ter. Oder wie die erschla­gende Aus­wahl vor dem Kühl­re­gal in rie­si­gen Super­märk­ten. So reiz­über­flu­tet und erschla­gen fühle ich mich oft von den Gefüh­len und der Ener­gie ande­rer Leute, die auf mich ein­pras­seln. Ich bin mich über­sti­mu­liert und fühle mich daher über­reizt, erschöpft und über­for­dert.

Emotionale Intensität

Hatte oft das Gefühl meine Emo­tio­nen „nicht im Griff zu haben“ oder „mich nicht zusam­men­rei­ßen zu kön­nen“ — ich weiß, dass auch andere Leute viel lachen und wei­nen, aber ich habe mich oft gefragt, wie sie es hin­be­kom­men so kon­trol­liert zu sein? Inzwi­schen glaube ich, dass sich viele gar nicht so sehr anstren­gen müs­sen wie ich, um neu­tral zu blei­ben und in man­chen Situa­tio­nen keine star­ken Emo­tio­nen zu zei­gen, wenn es gerade nicht passt oder man das nicht möchte.

Mir wurde oft gesagt, dass ich nicht so „über­re­agie­ren“ soll, aber ein über­durch­schnitt­lich inten­si­ves Emp­fin­den hat auch starke emo­tio­nale Reak­tio­nen als Aus­wir­kung und ist also für mich ganz nor­mal (Emo­tio­nal Inten­sity). Ich habe starke posi­tive und nega­tive Emo­tio­nen auf Grund von ver­schie­de­nen Ereig­nis­sen in mei­nem Leben.

Alle vier Aspekte wur­den kom­bi­niert, als ich min­des­tens 1,5 Jahre gebraucht habe um meine Welt­reise und alle Ein­drü­cke zu ver­ar­bei­ten. Ich bin (zu) schnell in viele ver­schie­dene Län­der gereist, was sehr auf­re­gend war, aber gleich­zei­tig so viele Sin­nes­ein­drü­cke, Erleb­nisse und zu ver­knüp­fende Gedan­ken her­vor­ge­ru­fen hat, sodass ich noch fast 2 Jahre danach damit beschäf­tigt war, alles zu ver­ar­bei­ten. Daher bin ich in der Zeit an einem Ort geblie­ben (in Kiel), habe aber viel über die ver­gan­ge­nen Erleb­nisse geträumt, gere­det und nach­ge­dacht.

Vorteile

Verarbeitungstiefe

Ich ver­ar­beite Infor­ma­tio­nen gründ­lich, ver­knüpfe alles und setze neues Wis­sen und Erfah­run­gen immer in Rela­tion zu bereits vor­han­de­nem. Ich ver­ar­beite meine Gedan­ken und Gefühle inten­siv und ver­netzt und bin sehr gut in kom­ple­xen Wahr­neh­mungs­auf­ga­ben. Ich habe durch die Ver­ar­bei­tungs­tiefe eine schnelle Auf­fas­sungs­gabe und ich liebe tief­grün­di­ges Nach­sin­nen über Gott und die Welt, darum möchte ich auch gerne Blog­ar­ti­kel schrei­ben. Ich hin­ter­frage sehr viel, bin reflek­tiert und kri­tisch mit mir selbst und der Welt.

Dies hat zur folge, dass ich gut darin bin mich in Berufe schnell ein­zu­ar­bei­ten und Abläufe und kom­plexe Zusam­men­hänge schnell erfasse. Ich kann gut alles mög­li­che wie Ver­an­stal­tun­gen orga­ni­sie­ren, da ich die Über­sicht behal­ten kann, aber gleich­zei­tig die kleins­ten Klei­nig­kei­ten in Zusam­men­hang mit dem gro­ßen Kon­text betrach­ten kann.
Beim Ler­nen in der Uni oder Schule habe ich immer ver­sucht mir Dinge im Zusam­men­hang zu erklä­ren und ver­netzt zu mer­ken.

Emotionale Intensität

Durch meine „Emo­tio­nale Inten­si­tät“ bin ich beson­ders ver­letz­lich, aber auch beson­ders genuss­fä­hig und empha­tisch. Ich habe eher weni­ger Bezie­hun­gen zu Men­schen und wenn dann sind sie meist sehr tief und inten­siv.

Seit mei­ner glück­li­chen Kind­heit sind meine Haupt­mo­ti­va­tio­nen posi­tive Emo­tio­nen wie Neu­gier, Vor­freude, Sehn­sucht und Freude. Wenn ich beschrie­ben sollte wel­ches Tier ich am liebs­ten wäre, habe ich immer gesagt, dass ich gerne eine Giraffe wäre, da ich mit einem lan­gen Hals über­all rein- und rüber gucken könnte, denn ich bin so extrem neu­gie­rig.
Neu­gierde treibt mich mein Leben lang schon an und ich bin wiss­be­gie­rig und möchte jeden Tag Neues ler­nen.

Ich inter­es­siere mich für viele ver­schie­dene Berei­che, darum habe ich auch ganz unter­schied­li­che Dinge stu­diert (u.A. Inter­na­tio­nale Bezie­hun­gen und Fran­zö­si­sche Phi­lo­lo­gie) und gelernt (Aus­bil­dung zur Ski­leh­re­rin und zum ganz­heit­li­chen Coach).

Das vermeintlich Widersprüchliche oder wieso Menschen denken, dass ich extrovertiert bin?

Ich mag Men­schen gene­rell sehr gerne und bin sehr gesel­lig. Manch­mal höre ich nicht so gut auf mich selbst und bin zu lange in grö­ße­ren Grup­pen oder auf Ver­an­stal­tun­gen, auf denen ich z.B. viele Leute treffe.

Ich freu mich viele Men­schen zu sehen und mit ihnen zu reden. Ich tau­sche mich gerne aus, rede viel und bin manch­mal laut und wild. Darum den­ken Men­schen glaube ich schnell, dass ich extro­ver­tiert bin.

Dabei bin ich intro­ver­tiert und lade meine Bat­te­rien auf wenn ich alleine bin. Unter Men­schen zu sein ist immer anstren­gend für mich, auch wenn es mir in dem Moment sehr viel Spaß macht und man das von Außen betrach­tet viel­leicht nicht den­ken würde.

Kulturelle Aspekte

In unse­rer Gesell­schaft wird Sen­si­bi­li­tät nicht beson­dern geschätzt und ist laut vie­ler, keine erstre­bens­werte Tugend. Es wird vor allem zu Kin­dern oft gesagt: „Stell dich nicht so an!“

Das ist auch einer der Gründe, warum ich nie viel dar­über gere­det hab, wie es mir inner­lich geht. Durch die Schule, im Stu­dium und Job, habe ich mir in vie­len Situa­tio­nen ein Ver­hal­ten wie von „nor­ma­len“ nicht-sen­si­blen Per­so­nen ange­wöhnt, da schein­bar nur das akzep­tiert und gewünscht ist. Ich habe mich oft so gefühlt, als ob meine „harte Schale“ für mich über­le­bens­wich­tig war, da mir der All­tag vie­ler Men­schen inner­lich zu viel war.

Ich rede dabei nicht von der arbeits­tech­ni­schen Belas­tung, denn man wird schnell als schwach und nicht leis­tungs­fä­hig abge­stem­pelt. Wenn ich Auf­ga­ben in der Uni oder bei Jobs unter Men­schen erle­dige und in einem lau­ten und unru­hi­gen Umfeld bin, bin ich abends extrem erschöpft. Wenn ich die glei­chen Auf­ga­ben zuhause im Home Office mache, sind sie von den­ken und von der Anfor­de­rung her über­haupt kein Pro­blem für mich. Das heißt mich belas­tet vor allem das Umfeld und die vie­len Reize über­flu­ten und über­rei­zen mich. Das ist für viele Men­schen, die anders sind als ich, schwer zu ver­ste­hen.

Hoch­sen­si­ble Män­ner in unse­rer Gesell­schaft sind noch mehr Vor­ur­tei­len aus­ge­setzt, da es von der Gesell­schaft oft noch weni­ger akzep­tiert wird, wenn sie hoch­sen­si­bel sind. Lei­der herr­schen immer noch über­holte Rol­len­bil­der vor.

Balance finden

Ich treffe gerne Men­schen und bin gerne unter vie­len Men­schen. Ich gehe im Prin­zip gerne auf Kon­zer­ten oder Fes­ti­val und reise gerne in fremde Län­der und nutze lokale Ver­kehrs­mit­tel. Wäh­rend ich das mache, muss ich aber immer auf­pas­sen, dass es mir nicht zu viel wird, da ich hoch­sen­si­bel (und intro­ver­tiert) bin und mich schnell reiz­über­flu­tet und über­for­dert fühle.

Ich ver­su­che eine Balance für mich zu fin­den und nach mei­ner Natur zu leben. Das heißt ich ver­su­che mir mei­nen All­tag noch mehr so zu gestal­ten, wie er mir wirk­lich gut tut.
Daher treffe ich mich ins­ge­samt mit weni­ger Men­schen und wenn dann oft nur mit einer Per­son. Ich achte dar­auf, mich mit Men­schen zu umge­ben, die posi­tive Ener­gie aus­strah­len. Wenn ich mich mit jeman­dem getrof­fen habe möchte ich mich danach nicht schlecht füh­len, son­dern neu­tral oder posi­tiv.

Meine Arbeits­si­tua­tion ver­su­che ich so zu gestal­ten, dass ich so viel wie mög­lich im Home Office und alleine arbeite. Ich lege Pau­sen ein und schlafe sehr viel, da ich immer viel zu ver­ar­bei­ten haben.

Ich erlaube mir natür­lich auch alle Emo­tio­nen in ihrer Inten­si­tät zu füh­len, wie ich sie gerade fühle. Es hat mir sehr gehol­fen, mehr über das Thema Hoch­sen­si­bi­li­tät zu lesen und neue Stra­te­gien für mei­nen All­tag zu ent­wi­ckeln. Ich sehe viele Vor­teile und bin gerne anders als andere, denn das war ich schon immer und nicht erst seit der Erkennt­nis, dass ich hoch­sen­si­bel bin.

Jeder ist anders als alle ande­ren, denn es gibt jeden nur ein­mal.

Um mehr über Hoch­sen­si­bi­li­tät zu ler­nen, kann ich die fol­gen­den Bücher sehr emp­feh­len (auch für alle, die nicht hoch­sen­si­bel sind):

*Affi­liate Link zu Buch7 — der Buch­han­del mit der sozia­len Seite

Bist du auch hoch­sen­si­bel oder kennst jeman­den, der hoch­sen­si­bel ist? Wie sieht das bei dir aus?

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